Kopfstimme

Es war ein verregneter Herbsttag. Die anderen Kinder waren schon längst weg. Ich lehnte meine Stirn gegen die Scheibe im Klassenraum, ein angenehmes kühles Gefühl breitete sich in meinem Kopf aus. Ich beobachtete einen Jungen, der langsam und einsam durch den Regen ging. Seine Schultern waren leicht gebeugt und sein Blick dem Boden zu geneigt.

rainy autumn

Der Lehrer kam zu mir und fragte mich ob alles in Ordnung sei.
„Ja“ ich mache mir nur Gedanken um diesen Jungen, er wird sich noch erkälten wenn er länger im regen bleibt. Er trug nur ein Sweatshirt, das saugt sich schnell mit Wasser voll.

Auch am kommenden Tag blieb ich wieder länger, das Wetter hat sich ein wenig gebessert, es nieselte nur ein wenig, dafür kroch der Nebel aus der Erde als würde er auf etwas lauern. Der Junge war wieder da, anscheinend hat er sich nicht erkältet. Er hatte einen Hund dabei der fast genauso groß war wie der Junge selbst. Ein leichtes Grinsen breitete sich auf meinem Mundwinkel aus, da der Junge nicht wusste wie er den Hund antreiben sollte. Er zog an der einen Seite der Leine doch der Hund bewegte sich keinen Meter, danach ging er um den Hund drumherum und zog auf der anderen Seite, der Hund lief zwar, aber dem Gesichtsausdruck des Jungen war abzulesen, dass dies die Falsche Richtung sei.

Der Lehrer meinte, dass alle anderen Kinder schon weg seien und er den Raum abschließen wollte. Ich entgegnete ihm nur mit „Ja, kein Problem“ Ich mache mir nur Sorgen um den Jungen da unten. Er fing meinen Blick auf und sah den Jungen. „Sieh mal der Junge weiß nicht wie er den Hund antreiben soll. Vielleicht sollte ihm jemand helfen?“ Ich nickte.

Das war eigentlich eine gute Idee, ich ging aus der Schule und blieb am Eingang stehen. Ich weiß nicht wie lange, aber es war eine längere Zeit. Als ich dann letztlich auf die Wiese kam die man von unserem Klassenraum aus sehen kann, war es bereits dunkel und keine Menschenseele zu sehen. In Gedanken versunken ging ich nach Hause. An jeder Ecke auf meinem Heimweg hatte ich Angst, dass irgendjemand mich anfassen könnte.

foggy autumn

Am nächsten Tag konnte ich dem Unterricht kaum folgen, ich starrte von meinem Platz aus nur aus dem Fenster. Das Klingeln der Glocken dröhnte in meinem Kopf doch ich zuckte kein bisschen, alle anderen Kinder packten schnellstmöglich ihre Sachen um zu verschwunden, doch ich blieb weiter sitzen.Und dann sah ich den Jungen wieder, heute war er nicht allein, 3 Freunde begleiteten ihn. Er scheint den Hund doch noch bis nach hause bekommen zu haben. Auf einmal schubste einer seiner Freunde ihn, die anderen lachten. Einer nahm seine Tasche und steckte sie in den nächsten Mülleimer, während die anderen Kinder auf den am Boden liegenden Jungen eintraten. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden und sah jedes Detail. Auf einmal fuhr ich auf, ich spürte eine Hand auf meinem Rücken. Es war der Lehrer, in sanfter Stimme sprach er zu mir „Ist wirklich alles in Ordnung mit dir? Du machst in letzter Zeit einen so abwesenden Eindruck.“
„Ja, mit mir ist alles in Ordnung“ entgegnete ich ihm. Ich mache mir doch nur sorgen um den Jungen da unten er wird grade von seinen Klassenkameraden Kopfüber in eine Mülltonne gesteckt, man muss doch was unternehmen. Der Lehrer lächelte freundlich, du solltest dich mit ein paar deiner Mitschüler anfreunden, aber du musst gehen ich möchte den Raum abschließen.“

Auf dem Heimweg konnte ich das gesehene nicht aus meinem Kopf bekommen. Immer wieder schweifte ich in Gedanken an diesen Jungen ab. Ein lautes Hupen holte mich aus meinen Gedanken, ich war grade bei rot über eine Ampel gegangen. Ich muss eine Gedanken frei bekommen.

Am kommenden Tag war der Junge nicht mehr zu sehen, ich blieb den ganzen Nachmittag in der Schule an meinem Fenster, aber nirgends konnte ich ihn sehen. Auch am Freitag schien der Junge fern zu bleiben. Wer weiß vielleicht geht er einen anderen Heimweg, oder er ist krank. Bestimmt kommt das von dem Regen. Das Ganze Wochenende konnte ich nicht loslassen ich musste wissen was mit diesem Jungen ist. Noch nie konnte ich es so erwarten, dass am Montag die Schule wieder losging.

Doch auch dann war der Junge nicht zu sehen. Der Nebel ist noch stärker als sonst. Genauso wie immer presste ich meine Stirn gegen die angenehm kühle Scheibe und schaute aus dem Fenster, dem Unterricht folge ich schon lange nicht mehr. Ich habe noch nicht einmal gemerkt dass der Unterricht vorbei war und alle anderen Kinder gegangen sind. Der Lehrer setzte sich neben mich auf den Freien Platz. Er holte einmal tief Luft als würde ihm etwas auf dem Herzen liegen“ Wir müssen reden, ich mache mir wirklich sorgen um dich. Du passt nicht mehr auf und hast immer diesen Leeren Blick als währst du in deiner eigenen Gedanken Welt, dich bedrückt doch etwas. Du musst ja auch nicht unbedingt mit mir darüber reden. Du kannst auch zu unserer Vertrauenslehrerin gehen. Aber mit irgendjemanden musst du darüber reden. Sonst gehst du noch selbst daran kaputt.“
Langsam, beinahe wie in Zeitlupe drehte ich meinen Kopf zu ihm und sah ihn verwundert an. „Nein, mit mir ist alles in Ordnung“ sagte ich mit leicht zitternder Stimme. Immerhin habe ich doch nur Angst um den jungen von letzter Woche. Sein Blick verengte sich. „Nein mit dir ist nicht alles in Ordnung, dich beschäftigt was und ich möchte wissen was.“ Es schien als würde er versuchen in meine Seele zu blicken. „Aber …“ fing ich an, „ … ich habe ihnen doch bereits alles gesagt“

Noch nie saß ich so nah bei meinem Lehrer, erst jetzt bemerkte ich all die kleinen feinen Falten in seinem Gesicht. Ich könnte schwören in genau jenem Moment ist eine Falte hinzugekommen. Er erhob erneut die Stimme. „Nein du erzählst nichts. Alles was du sagst, ist Ja es geht mir gut, alles in Ordnung, aber mehr kommt aus dir nicht raus.“
Wut kochte in mir auf, wie kann er nur, er hat doch genauso zu gesehen wie der Junge nicht mit dem Hund klarkam, sogar gelacht hat er über ihn. Und dennoch weiß er doch dass ich mir Sorgen mache.
„Ich habe doch alles gesagt …“ schrie ich ihn an, ich war selbst von mir überrascht, dass meine Stimme so laut sein kann, „ Ich mache mir nur sorgen um den Jungen von letzter Woche, Sie wissen schon, der der keinen Schirm oder Regenjacke hatte, der der den Hund nicht bändigen konnte, der der von seinen Freunden verprügelt wurde. Wir haben doch jeden Tag darüber geredet.“ Mein Blick wurde trüb, Tränen stießen in meine Augen.

Seine Stimme wurde merklich sanfter „Junge? Du hast nie von einem Jungen geredet, hätte ich das gewusst hätte ich doch etwas unternommen wenn er verprügelt worden wäre.“

Diese Worte von ihm waren wie Lava in meinem Magen die langsam zu kochen anfängt, wie ein Schlag in die Kehle nachdem du minutenlang nach Luft schnappst. Ich habe doch jeden Tag gesagt, dass ich mir sorgen mache. Oder hab ich das? Ich bin der festen Meinung, dass ich ihm immer meine Sorgen mitgeteilt hatte. Immerhin hatten wir jeden Tag miteinander geredet. Oder hat er mich nur aus dem Zimmer gejagt weil er nach Hause wollte. Vielleicht hab ich mit meiner Kopfstimme gedacht ich sage es ihm und es als Tatsache angenommen? Nein das kann nicht sein, ich weigere mich, dass dies der Fall ist. Aber wieso kommt dann dieses Missverständnis zustande. Und wieso zur Hölle geht mir dieser Junge nicht aus dem Kopf?

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